Rennsteig

Der Rennsteig - der bekannteste Wanderweg Deutschlands

VON GERD FLEISCHMANN
Nach dem Wegfall der innerdeutschen Grenze ist der Rennsteig auf seiner gesamten Länge von 168,3 Kilometern begehbar, was für die Mitglieder des Rennsteigvereins eine ähnliche Bedeutung wie die Öffnung des Brandenburger Tores hatte. Das geschichtlich-historische Anliegen des Rennsteigvereins resultiert jedoch nicht erst aus der Initiative zur Vereinsgründung im Oktober 1892 und auch nicht erst aus deren Vollzug am 24. Mai 1896 (Pfingstsonntag) im Rennsteig-Waldhaus „Weidmannsheil“ bei Steinbach am Wald. undefinedEs entspringt dem Vermächtnis des Gothaer Topographen Julius von Plänckner, der 1830 als erster die große Rennsteig-Wanderung von Blankenstein an der Saale bis zum Werradorf Hörschel bei Eisenach unternommen hat. Sein Erlebnisbericht legte das wissenschaftliche Fundament zu den intensiven Forschungen über den Rennsteig des Thüringer Waldes, zu denen Geheimer Hofrat August Trinius nach wiederholter Kammwanderung mit seinem "Rennsteig-Werk" den entscheidenden Anstoß gegeben hat.
Darin auch wurzelt der von Dr. Ludwig Hertel 1892 formulierte Auftrag zur Vereinsgründung mit der Zweckbestimmung, im Zusammenwirken mit benachbarten Touristenvereinen den 168,3 Kilometer langen einzigartigen historischen Höhenweg über die Mittelgebirge Thüringens und Frankens zu erschließen, nach Kenntlichmachung konsequent zu betreuen und alle auf ihn zu beziehenden Schriften, Bilder, Kartenwerke und Urkunden in einem „goldenen Rennsteigbuch“ zusammenzufassen. In Erweiterung dieses ursprünglichen Auftrages, den sich der Suhler Dr. Julius Kober (1894-1970) zur Lebensaufgabe gemacht hat, wurde dem Rennsteigverein satzungsgemäß die Verpflichtung zuteil, weitere Rennsteige beziehungsweise Rennwege im gesamten deutschen Sprachgebiet zu erwandern und zu erforschen. Der Rennsteig, ein wahrhaft historischer Grenzweg zwischen Bayern und Thüringen, markiert Ereignisse und Zäsuren deutscher Geschichte. Viktor von Scheffel hat dem 168,3 Kilometer langen Weg sogar ein literarisches Denkmal gesetzt, als er seinen „Ekkehard“ ausrufen ließ. Immerhin: Unter den etwa 220 Rennsteigen oder Rennwegen im deutschen Sprachraum ist der Kammpfad zwischen Saale und Werra der bekannteste und historisch bedeutendste. Schon im Jahr 1000 bildete er die nördliche Grenze des Radenzgaues, mit dem die Franken ihr Reich nach Osten absicherten.
Auf dieser Route zogen Martin Luther 1530 nach Lehesten und napoleonische Truppen im Oktober 1806 zur Doppelschlacht von Jena und Auerstedt. Lediglich 13 Kilometer liegen auf bayerischer Seite. Und der Rennsteig bildet auch die Wasser- und Wetterscheide zwischen Rhein und Elbe.
Früher war der Rennsteig die Staatsgrenze zwischen Thüringen und Franken, später auf einigen Strecken die Grenze zwischen politischen Herrschaftsbereichen. Aus der Zeit der Kleinstaaterei stammen neben den üblichen Grenzsteinen in seinem Verlauf auch die historisch wertvollen Dreiherrensteine.
Einer der interessantesten Abschnitte des Rennsteiges im Frankenwald ist der Schönwappenweg bei Steinbach am Wald entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Dort sind die schönsten und ältesten Wappensteine des Rennsteigs und seiner nächsten Umgebung zu sehen. Sie sind von einzigartiger kulturhistorischer Bedeutung und zeigen die Wappen der Markgrafschaft Bayreuth, der Bamberger Erzbischöfe und des Herzogtums Sachsen, deren Ländereien dort einst aneinander stießen. 1984 initiierte die Geologisch-Heimatkundliche Arbeitsgemeinschaft Ludwigsstadt die Restaurierung dieser steinernen Zeitzeugen deutscher Geschichte.
Die älteste schriftliche Bezeichnung „Rynnestig" kommt in einem Frankensteiner Verkaufsbrief 1330 vor. Der Name „Rennsteig“ wird erstmalig 1578 genannt. Um das Jahr 1700 teilten sich nicht weniger als eine Grafschaft und neun Herzog- und Fürstentümer das Rennsteiggebiet, dessen Wälder den Landesherren die begehrten Jagdgründe boten. Alljährlich um die Pfingstzeit wurde vom Rennsteigverein die große „Runst“ veranstaltet, eine Wanderung über die ganze Kammlänge von 168,3 Kilometern in fünf oder sechs Tagen. Wer das Tagespensum von 34 oder 28 Kilometern schaffte, erhielt eine Urkunde. Die Wanderfristen mussten auch bei Schlechtwetter eingehalten werden. Waren die Herbergen auf der Strecke überfüllt, waren die Spätankömmlinge genötigt, in den tiefer gelegenen Walddörfern Unterkunft zu suchen.
Bereits 1897 erfolgte die erstmalige Verleihung des Rennsteig-Ehrenschildes für die Erwanderung des Höhenpfades in seiner ganzen Länge. Auch die Gründung einer Vereinszeitung fällt in diese aktive Anfangsphase. Die Tochter Maria des damaligen Försters und Wirtes von Weidmannsheil bei Steinbach am Wald gab ihr den Namen „Mareile“.
Einer der bedeutendsten Namen in der Geschichte des Rennsteigvereins ist Dr. Julius Kober aus Suhl. 1937 wurde er zum Fürsteher berufen und vertiefte wesentliche Gedanken und Ziele der Gründer dieses nicht alltäglichen Wandervereins. Allerdings sorgten der Zweite Weltkrieg und die schmerzliche Teilung Deutschlands für einen herben Rückschlag. 1948, nach einjähriger Suche nach einem neuen Aufenthalt, ließ sich Julius Kober in Zapfendorf bei Bamberg nieder. Dort gab er unter anderem den Thüringer Heimatkalender heraus. Die Wiedergründung des Rennsteigvereins erfolgte 1950. Doch auch in Thüringen lebte der Rennsteiggedanke fort. Und in Suhl, dem früheren Sitz des Vereins, taten sich Herbert Roth und Karl Müller zusammen und schufen das beliebte und aussagestarke Rennsteiglied „Ich wand're ja so gerne am Rennsteig durch das Land... “.
Über 1000 Gäste erlebten Pfingsten 1986 in „Weidmannsheil“ am Rennsteig ein gelungenes 90-jähriges Bestehen. An allen drei Tagen wanderte man nach Herzenslust, tauschte Erinnerungen aus und schöpfte Kraft in der Natur. An der traditionsreichen „Pfingst-Runst“ entlang des Rennsteigs auf bayerischem Gebiet beteiligten über 200 „Renner“, unter ihnen der seinerzeitige Landrat Dr. Heinz Köhler sowie die Kreisräte Egon Stäudel und Karl H. Fick. Es war schon eine ergreifende Szene, als sich die Teilnehmer beim Start an der Schildwiese bei Tettau die Hände reichten und Fürsteher Michael Ott aus Zapfendorf den „Gut-Runst-Gesang“ anstimmte.
Einen schmerzlichen Rückschlag erlebte die Wanderbewegung in der Nacht vom 28. zum 29. Februar 1988. Durch Brandstiftung brannte der beliebte Waldgasthof „Weidmannsheil“, einst Gründungslokal, bis auf die Grundmauern nieder.
Nach diesem Tiefschlag folgte wenig später ein Hoch. Von niemandem erwartet, kam die deutsche Einheit zu Stande. Der Rennsteig konnte nun wieder in seiner gesamten Länge erwandert werden. Bei der Wiedereröffnung am 28. April 1990 drängten sich mehr als 2500 Menschen um den Anfang des engen Waldweges bei Brennersgrün. Der damalige Landrat Dr. Werner Schnappauf gab das Signal zum Start. Prominentester Teilnehmer war der bayerische Umweltminister Alfred Dick. Ein Jahr später, Pfingsten 1991, entnahmen die „Renner“ einen Stein aus der Selbitz, um ihn dann nach sechs anstrengenden Wandertagen in die Werra zu werfen. Dieser schöne Brauch symbolisierte die alte Zeit: Nach 49 Jahren wurde die einst so traditionsreiche Pfingstrunst über 168,3 Kilometer wieder Wirklichkeit.
1996 erlebte der Rennsteigverein im Frankenwald einen weiteren markanten Höhepunkt: Pfingst-Runst, Festveranstaltung mit musikalischer Umrahmung durch die Zapfendorfer Klampfengruppe sowie vier Sternwanderungen begeisterten Jung und Alt. Von Umweltstaatssekretär Willi Müller gab es dann noch eine besondere Auszeichnung: „Fürsteher“ Kurt Enzi durfte für den Rennsteigverein die Eichendorff-Plakette des Bundespräsidenten entgegennehmen.
aus „Neue Presse“ vom 01.06.2006

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